Cross Industry Innovation

In Episode #17 des TRENDONE Podcast "Innovation geht anders" sprechen wir über das Thema Cross Industry Innovation: Kein Unternehmen ist heute mehr in nur einer Branche tätig. Die digitale Transformation lässt Branchengrenzen verschwimmen und Industrien konvergieren.

Wie schaffen Innovationsmanager*innen unter diesen Voraussetzungen erfolgreiche Innovation? Dazu stellen wir das Konzept der branchenübergreifenden Innovation von. Unternehmen sind damit in der Lage, effizienter neue Produkte an den Markt zu bringen und gleichzeitig durch radikale Innovationen dem Wettbewerb auszuweichen.

Aber Achtung: Cross Industry Innovationen entstehen selten nach einer bestimmten Systematik. Dies wollen wir ändern und stellen drei Ansätze vor. Mit ihnen können Innovationsverantwortliche in den frühen Innovationsphasen das kreative Potenzial anderer Branchen nutzen.

Peter von Aspern
Director Trend Services, TRENDONE Hamburg

Sebastian Metzner
Chief Strategy Officer, TRENDONE Berlin

Podcast Transkription

Episode #17 Cross Industry Innovation von und mit Peter von Aspern und Sebastian Metzner vom 20.01.2021 | 54 Min.

Welche Innovation von McDonald's stammt ursprünglich aus der Formel 1?

Peter von Aspern: In diesem Jahr wollen wir ganz besonders den Fokus auf die Umsetzung legen und noch mehr praktische Tipps und Erfahrungen aus unserer Projektarbeit mit euch teilen. Und dabei ganz konkrete Tipps geben, wie man gerade am Beginn des Innovationsprozesses erfolgreich arbeiten kann. Ja, um jetzt knackig in das Thema überzuleiten, haben wir uns eine Quizfrage für euch überlegt: Ihr habt gleich zwei Sekunden Zeit, einmal kurz zu überlegen, ob ihr auf die Antwort kommt. Die Frage ist: Welche Innovation von McDonald's stammt ursprünglich aus der Formel 1? So, die Bedenkzeit ist schon zu Ende. Sebastian, du darfst das auflösen, du hast diesen spannenden Case für uns herausgesucht.

Sebastian Metzner: Die Frage, Peter, ist relativ einfach zu beantworten, denn es geht darum, dass sich McDonald's in den 70er-Jahren das Prinzip dieses Pit Stops, also des Boxenstopps in der Formel 1 abgeschaut hat und damit den Drive-In oder besser gesagt Drive-thru-Schalter erfunden hat; dass die Fahrzeuge innerhalb von Sekunden an die Box fahren, auftanken, neue Reifen bekommen und wieder weg sind. Das hat McDonald's dazu inspiriert, diesen typischen Drive-thru-Schalter zu erfinden. Und das war damals eine ziemlich wachstumsstarke Innovation, in den Siebzigerjahren, für McDonalds. Das muss man wirklich sagen. Die Not hat dort erfinderisch gemacht. Das hat alles in Arizona stattgefunden. Das war sehr nah an so einer Militäreinrichtung. Das Interessante daran war, dass die Militärangehörigen, wenn sie sich in Uniform befunden haben und mit einem Auto kamen, nicht aus dem Auto aussteigen durften. McDonald's hat sich damals zum Ziel gesetzt, dass von der Bestellung bis zur Abgabe maximal 50 Sekunden vergehen dürfen und das Ganze wirklich richtig zügig vonstattengeht. Das ist die kurze Auflösung deiner Frage, Peter.

Cross Industry Innovation bedeutet, sich der Problemlösungen, die in anderen Branchen schon erdacht worden sind, zu bedienen

Peter von Aspern: Ich wusste überhaupt nicht, dass das seine Wurzeln in der Formel 1 haben könnte. Auf jeden Fall ein guter Case, der sehr schön zeigt, wie man Antworten oder Lösungsmöglichkeiten zu Problemen auch mal in ganz anderen Branchen oder auch sogar in ganz anderen Bereichen wie hier im Motorsport finden kann. Und wir haben ja dieses Thema, diesen Aspekt der branchenübergreifenden Innovation oder eben auch Cross Industry Innovationen genannt schon in verschiedenen Folgen immer mal wieder aufgegriffen und diesen Terminus fallen lassen. Und aus diesem Grund heraus haben wir uns überlegt, dass wir das jetzt einmal vertiefen wollen und eine ganze Folge zu diesem Thema bespielen wollen. Da steht natürlich am Anfang tatsächlich die Frage – nachdem wir jetzt dieses Beispiel auch gehört haben: Was ist denn jetzt eigentlich Cross Industry Innovation? Was meinen wir eigentlich damit, bedeutet dieses Konzept? Und ja, die Antwort ist schnell erklärt. Denn im Theoretischen ist dieses Prinzip gar nicht so schwer zu verstehen. Denn es geht eben einfach darum, dass man Ideen, Wissen, auch Konzepte für neue Produkte oder Dienstleistungen, die man entwickeln möchte, aus anderen Branchen auf die eigene Branche überträgt. Dabei kann es eben auch sein, dass man nicht komplett ein Geschäftsmodell von der einen Branche in die andere verpflanzt, sondern eben auch Elemente, die ein Geschäftsmodell ausmachen, aus verschiedenen Branchen zusammenzieht und daraus etwas Neues entsteht. Das Spannende ist dabei dann eben tatsächlich, dass man sich der Problemlösungen, die in anderen Branchen schon erdacht worden sind, bedienen kann und eben so auch von dem Wissen und den Erfahrungen aus anderen Branchen profitieren kann. Das ist so im Kern das, was branchenübergreifende Innovation ausmacht; was vielleicht auch ihren Mehrwert ausmacht. Ganz nach dem Motto: Über den Tellerrand schauen lohnt sich. Wenn man es mal salopp sagen will.

Beispiel für eine Outside-In Innovation: Ein MRT-Scanner als Piratenschiff

Peter von Aspern: Ja, da geht es um diesen MRT-Scanner, den man vielleicht kennt, also diese sogenannte Röhre, in die man sich ja schieben lassen muss, um sich untersuchen zu lassen. Und diese Apparate sind zum einen sehr laut und zum anderen ist es eben auch sehr beklemmend, sich tatsächlich in diese enge Röhre rein fahren zu lassen. Und es hat sich rausgestellt, dass es vor allem für Kinder extrem problematisch ist, diese Prozedur über sich ergehen zu lassen. Und viele Kinder sogar auch Beruhigungsmittel verabreicht bekommen müssen, damit sie diese Prozedur über sich ergehen lassen. Und dieses Problem, also diese Unheimlichkeit dieser Anlagen und dieses Abschreckende, Angsteinflößende hat man tatsächlich geschafft, zu lindern, indem man sich mit der Unterhaltungsindustrie beschäftigt hat und sich angeschaut hat, welche Aspekte man von da heranziehen kann. Und das Ergebnis war, dass man diesen MRT-Scanner wie so eine Art Piratenschiff gestaltet hat und diese Röhre dann aussieht wie so ein riesiges Steuerrad. Und diese Bahre, auf der man dann liegt, liegt ja aus wie so eine Art Schiff. Man wird da so reingefahren, hat das sogar noch mit so einem Storytelling-Aspekt verknüpft, damit die Krankenschwester eine dazu passende Geschichte vorliest. Die zu dieser Gestalt dieses Apparats passt. Im Grunde würde man heute sagen, es ist so etwas wie Gamification, was man da gemacht hat. Und das ist eigentlich auch ein sehr schönes Beispiel dafür, wie man eben Gamification aus anderen Branchen nutzen kann – eben sogar auch in der Gerätemedizin.

Was kann ein Krankenhaus von einem Hotel lernen, oder was kann ein Chemieunternehmen von einem Eventmanager lernen?

Sebastian Metzner: Ja, der Blick nach außen, das ist das Wichtige, was man zulassen muss. Das hast du gerade beschrieben, Peter, mit „Mindset“. Die Fragen, mit denen man dort einsteigen kann und die man sich allen Dingen selbst stellen kann, sind im Prinzip ganz einfach. Sie zeigen immer diesen Transfer. Also was kann ein Krankenhaus von einem Hotel lernen, oder was kann ein Chemieunternehmen von einem Eventmanager lernen? Das ist ebenfalls ganz interessant. Was kann ein Automobilhersteller von einem Videospielerkonzern denn bitte lernen? Auch hier gibt es, denke ich, viele Möglichkeiten, Transferimpulse zu finden. Und genau diese Frage, was Automobilhersteller von einem Videospielern lernen können, die hat auch BMW ergründet, als sie nach Lösungen gesucht haben, um ihr neues iDrive-Control-Element vorzustellen.

Peter von Aspern: Die Mechanik dahinter ist tatsächlich genau so, wie wir es eben auch schon beschrieben haben; dass du halt vor einem Problem stehst, dass man ein komplexes Menüsystem im Auto hat, was BMW mit diesem iDrive verbaut hat, das sehr viele Dinge ermöglicht. Man kann ja das Navigationssystem steuern, telefonieren und so weiter. Dass man da die Herausforderung hatte, mit sehr wenig Aufmerksamkeit und mit wenig Input-Gesten dieses System steuern können muss. Das ist ja nicht wie zuhause am PC, mit Tastatur und Maus und kann, während man mit 200 km/h links auf der Autobahn fährt, irgendwelche Kommandos geben – sondern man muss eben einhändig, mit dem halben Blick auf den Bildschirm, dieses System bedienen können. Und da hat man tatsächlich in der Videospielindustrie erkannt, dass man da ähnliche Probleme auch schon gelöst hat, weil man da ja auch mit diesem Controller von so einer Playstation oder von so einer Xbox Erfahrungen hat. Da hat man ja auch nur sehr wenige Tasten. Und da hat man dann gesehen: „Aha, da sind schon gute Lösungsansätze, wie ich mit sehr wenig Tasten und Input-Gesten auch komplexe Menüstrukturen bedienen kann“. Und das ist tatsächlich auch ein schöner Case für genau solch ein Cross Industry Transfer.

Unser Trendscouting zeigt: Innovationen kennen keine Branchengrenzen mehr.

Peter von Aspern: Ja, exakt! Und zwar ist es ja so, dass wir jeden Monat über 250 neue Innovationen in unseren Trend Explorer aufnehmen. Die Basis dazu ist ja unser branchenübergreifendes Scouting. Und was dabei zunehmend auffällt, ist, dass tatsächlich diese Branchengrenzen sich im Kontext der Innovationen zunehmend auflösen. Man kann wirklich sagen: Innovationen kennen keine Branchengrenzen mehr. Und dabei ist auch aufgefallen, dass eigentlich die wenigsten Unternehmen heutzutage überhaupt nur noch in einer Branche unterwegs sind, so wie man das vielleicht früher mal man kannte, dass man eben sagt: „Ja, ich bin halt in der Wasserpumpen-Branche und ich mache halt nur Wasserpumpen“. Selbst da hat ja inzwischen auch schon die Digitalisierung Einzug erhalten. Themen wie Smart Home spielen eine Rolle. Und solche Geräte werden in unterschiedlichen Branchen verbaut, sodass man auch die im Blick haben muss. Es fällt wirklich auf, dass tatsächlich zunehmend fast alle Innovationen, die wir so scouten, Elemente enthalten, deren Ursprung relativ klar auf verschiedene Branchen zurückzuführen ist. Und das nimmt eindeutig zu und das ist sehr spannend, zu beobachten. Man stellt sich fast schon so ein bisschen die Frage, ob es eines Tages nur noch eine Branche geben wird und alles irgendwie mit einem konvergiert, was vielleicht ein bisschen zu weit gesprungen ist. Aber diese Branchenkonvergenz ist da sehr gut zu erkennen.

Sebastian Metzner: Alle dieser 250 Innovationen, die wir im Monat scouten, die wir Microtrends nennen, die werden bei uns im System natürlich mit Branchen vertaggt. Und so sehen wir tatsächlich in der Datenbank bei den einzelnen Innovationen, wie viele Branchen denn an einer Innovation anhängig sind. Und dort kann man diese Überschneidungen oder diese Konvergenz immer sehr, sehr gut deutlich machen. Das bringt uns zu der These, weil wir feststellen, dass keine Innovation, eigentlich fast keine nur noch aus einer einzigen Branche kommt, sondern immer eine oder sogar zwei Branchen mit dranhängen. Einfach, um deutlich zu machen, wie verschiedene Elemente aus den Branchen hier in einer Innovation zusammengeführt werden können. Peter, aber lass uns noch mal so ein Stück weit die Hintergründe beleuchten. Wenn Cross Industry Innovationen zunehmen, was empirisch vielleicht nicht ganz von uns nachgewiesen werden kann, – aber die Daten deuten schon darauf hin, – warum ist das so? Warum nimmt Cross Industry in der aktuellen Gegenwart stark zu?

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Digitale Transformation als Motor für branchenübergreifende Innovation

Peter von Aspern: Es gibt dafür sicherlich mehrere Ursachen. Eine Ursache mag sicherlich auch sein, dass Innovation ja eine Domäne ist, die glücklicherweise einer sehr großen Professionalisierung unterworfen ist und dadurch eben auch zunehmend in Unternehmen sehr fähige Innovationsmanagerinnen und Innovationsmanager eingesetzt sind, die in der Lage sind, eben auch durchaus branchenübergreifend zu denken und das auch forcieren. Das ist sicherlich auch ein ganz wichtiger Aspekt, den wir auch ganz stark sehen. Dahinter gibt es sicherlich noch weitere tiefgreifendere Wirkkräfte, die dieses Thema befeuern. Und dazu gehört sicherlich die digitale Transformation, die zu einem Zustand führt, den man auch als Innovation by Combination beschreiben kann. So nenne ich das immer ganz gerne! Denn es geht darum, die Verfügbarkeit von digitalen Daten und Services, was ja die Digitalisierung ausmacht, also eigentlich alle Informationen zu einem Geschäftsmodell oder zu einem Geschäft, – in dem ja digital vorliegen! – gepaart mit dem Thema Konnektivität, also sprich dem Internet zu nutzen. Und mobile 5G-Datenverbindungen dazu führen, dass man im Grunde alles mit allem kombinieren kann, wenn man so will. Genau das wird tatsächlich auch getan. Und so sehen wir immer mehr datengetriebene Geschäftsmodelle, die auf Basis digitaler Infrastrukturen wirklich quer zu allen möglichen vertikalen Branchen funktionieren. Carsharing könnte ein Beispiel sein, bei dem man das auch sehr schön sehen kann; dass man eben sieht: Man hat zum einen diese digitalen Informationen, wo befindet sich gerade welches Fahrzeug? Ich weiß auch, wo befindet sich gerade welcher Kunde, der ein Fahrzeug anbieten möchte? Ich habe die Möglichkeit, die Transaktion, das Payment über eine App vorzunehmen, was man früher vielleicht der Finanzbranche zugeordnet hätte. Und kann dann entsprechend den Nutzern Zugang zu einem Automobil verschaffen, das sie dann nutzen können. Sie fahren dann selber ein Auto für einen gewissen Zeitraum, was im Grunde auch ein Zusammenschmelzen der Mobilitätsbranche und so etwas wie Taxi-Dienstleistungen ist. Das ist eigentlich so ein Beispiel, an dem man sehen kann, wie eben viele verschiedene Aspekte, die man vorher vielleicht eher separat gedacht hat, – die uns heute wiederum selbstverständlich vorkommen! – durch digitale Transformation zu einem Ganzen zusammenschmelzen. Und somit ist eben, um es zusammenzufassen, digitale Transformation ein ganz starker Treiber für Cross Industry Innovation.

Sebastian Metzner: Die Digitalisierung ist die Quervernetzung dieser Branchen und ist der Transmissionsriemen dieser Entwicklung. Und Peter, deswegen sollten wir vielleicht noch mal einen Blick darauf werfen: Warum ist das ganze Thema Cross Industry Innovation denn für die Innovationsmanager oder aus Managementsicht gedacht heute so relevant? Und sollte im Grunde Einzug halten in die gängige Innovationspraxis?

Benchmarking reicht nicht mehr aus. Branchenübergreifende Innovation zu verstehen und sich darauf vorzubereiten ist Teil von gutem Innovationsmanagement.

Peter von Aspern: Ja, im Grunde tatsächlich, weil diese alten Herangehensweisen, wie sie auch früher aus dem Management herausgefahren worden sind, wie beispielsweise das Benchmarking, einfach nicht mehr ausreichend sind. Früher hat man vielleicht gesagt: „Wir orientieren uns einfach an den Wettbewerbern und versuchen, mindestens so gut zu sein wie die“. Ja? Also dieses klassische Benchmarking. „Wir gucken, wer ist der Beste? Das sind dann die 100 Prozent und wie komme ich da möglichst nah dran“? Dass diese Ansätze im Grunde heutzutage nicht mehr ausreichen, um erfolgreich agieren zu können. Eine weitere Schwäche des Benchmarking ist auch, dass sie sich in der Regel immer an den Branchenplayern orientieren, aber sie mir eben gar nicht helfen, wenn ein branchenfremder Player in meinen Markt eintritt und mit ganz neuen Mechaniken die andere Art und Weise, mit der ich bisher in meiner Branche agiert habe, in Frage stellt und mit ganz neuen Aspekten da einsteigt. Dann merke ich eben sehr schnell, dass dieser ganze Benchmarking-Ansatz überhaupt nicht mehr funktioniert. Und dass es eben so gesprochen auch hart gesagt gar keine Wahlfreiheit gibt, ob man jetzt sagt: „Ich möchte gerne branchenübergreifend innovieren oder nicht“. Das ist gar nicht der Punkt. Denn im Zweifel muss man davon ausgehen, dass branchenfremde Player sich sehr wohl dafür entscheiden und entsprechend in Erwägung ziehen, in meinen Markt einzutreten. Und aus diesem Grund tut man gut daran, auch andere Märkte genau zu beobachten und das nicht immer nur in Hinblick darauf, ob da mögliche Gefahren entstehen, sondern eben sehr wohl auch in Hinblick darauf, ob dort neue Verfahrensweisen, Technologien oder Geschäftsmodelle ersonnen werden oder wurden, die mir auch in meinem Markt einen Wettbewerbsvorteil bringen können.

Das Fraunhofer-Institut berichtet, dass die Cross Industry Innovation in Unternehmen tatsächlich noch gar nicht so weit verbreitet ist.

Sebastian Metzner: Genau. Also wenn man sich die Frage stellt, „Wird das flächendeckend und einfach angewendet“, dann kommen nicht nur wir – weil das können wir, glaube ich, auch aus unserer Beratungspraxis heraus gut ableiten, sondern auch, du hast es gerade angesprochen, das Fraunhofer-Institut IAO aus Stuttgart. Die haben empirisch erhoben, dass es gerade in Deutschland keine entsprechenden Methoden gibt, wie man branchenübergreifende Entwicklungen in Unternehmen gut einbinden kann. Sie zeigen so ein Stück weit auf, dass die weitverbreitetsten Ansätze in dem Bereich sind, in denen im Prinzip schon ein Produktkonzept vorliegt und wo man ganz gezielt nach konkreten technischen Lösungen sucht, um Probleme zu lösen. Und ja, die Forscher fragen sich im Grunde: Warum begrenzt man das Innovieren branchenübergreifend auf solche Detailprobleme? Warum kann man nicht dieses kreative Potenzial – sagen sie! – von Innovationen schon in den Frühphase einsetzen? Und Peter, das ist ja genau das Thema, über das wir immer sprechen. Darin sehen wir ja auch vor allen Dingen den großen Hebel, dass Cross Industry Innovation schon am Beginn des Innovationsprozesses eine große Rolle spielen sollte und nicht dann erst, wenn ich wirklich in der Konzeptphase. Das ist noch einmal eine wichtige Erkenntnis, die es natürlich auch mit euch zu teilen gilt. Und wir haben uns natürlich gefragt: Was können Unternehmen tun, um in dieser frühen Phase der Innovation schon die Potenziale von Cross Industry zu nutzen, Peter?

Da sich die Branchengrenzen durch Innovationen auch langfristig verschieben können, ist es sehr wichtig, diese branchenübergreifende Perspektive frühzeitig im Innovationsprozess herzustellen.

Peter von Aspern: Das leitet tatsächlich genau über in unserer Praxis teil, in dem wir genau das einmal untersuchen wollen. Natürlich ist es tatsächlich so, – du hast völlig recht, – dass offensichtlich, so wie es das Fraunhofer-Institut beschrieben hat, diese Cross Industry Innovation eher in der Umsetzungsphase angewendet wird. Und um tatsächlich diesen Cross Industry Ansatz auch in das Frontend des Innovationsprozesses mit zu integrieren, ist auch das systematische Trend-Management, als Prozess gedacht, eine enorme Hilfe. Denn wir hatten es ja auch schon in den Folgen 14, 15: Da hatten wir darüber gesprochen, dass es eben darum geht, branchenübergreifend relevante Themen frühzeitig in diesen Prozess mit einzubauen, indem wir ganz gezielt in unseren Projekten die Trends anschauen, die für unsere Kunden relevant sind; und ganz explizit auch branchenübergreifende Themen adressieren, um schon ganz frühzeitig den Blick über den Tellerrand hinaus zu heben und auch aufzuzeigen, dass es sehr viele Herausforderungen und wichtige Chancenfelder für Unternehmen gibt, die außerhalb der aktuellen Branchengrenzen liegen. Man muss ja auch immer sagen, dass sich die Branchengrenzen durch Innovationen auch langfristig verschieben können und es eben deshalb sehr wichtig ist, und aus unserer Sicht auch eine sehr wichtige Aufgabe an uns darstellt, genau diese branchenübergreifende Perspektive ganz frühzeitig im Innovationsprozess herzustellen. Das ist sicherlich auch ein ganz wesentlicher Beitrag des Trend Managements.

Sebastian Metzner: Wir haben ja in diesen Folgen über die Phasen eins und fünf gesprochen. Die würde ich gern noch mal explizit herausstellen. Das ist die sogenannte Scanning-Phase am Anfang und das Trend-Monitoring am Ende. Wer jetzt mit diesem Begriff nichts anfangen kann, der kann gerne noch mal in die Folgen 14 und 15 hineinhören. Aber ja, die Scanning-Phase ist prädestiniert dafür, die Branchenbrille abzusetzen und gezielt über die eigenen Grenzen hinauszuschauen. Und da geht es wirklich im Grunde darum: Was können Innovationsmanager*innen im Bereich von Transferimpulsen erst mal wahrnehmen, beobachten, zur Kenntnis nehmen? Und die müssen noch gar nicht so gerichtet sein. Beim Scanning geht es ja um die ungerichteten Impulse, auf die Entdeckung des Neuen. Und da geht es um das reine Zulassen. Und das ist ganz wichtig. Es ist natürlich am einfachsten, gerade jetzt auch in der aktuellen Corona-Diskussion, wo wir vor noch einem zweiteren härteren Lockdown stehen, wo natürlich viele Mitarbeiter*innen im Home Office sind – da auf digitale Tools sich zu stützen, Peter und das ist natürlich auch von uns der propagierte Königsweg: auf Tools zu vertrauen. Denn darüber kann man diese Transferimpulse in der ersten Scanning-Phase sehr gut in das Unternehmen hineinbringen. Peter, vielleicht erzählst du ein paar kurze Sätze: Welche Tools gibt es da? Und was zeichnet sie aus?

Tools wie der Trendexplorer helfen dabei, effektiv einen Überblick über relevante Branchen und relevante Innovationen zu erhalten.

Peter von Aspern: Was tatsächlich eine ganz praktische Barriere sein kann, wenn man sich mit Cross Industry Innovation beschäftigt, ist natürlich die Verfügbarkeit von Informationen beziehungsweise eben auch der enorme Zeitaufwand, die relevanten Dinge für sich herauszufiltern. Denn diese Informationen sind natürlich im Überfluss vorhanden und es geht mehr darum, da schnell zum Punkt zu kommen. Denn jeder kennt das ja, man kennt sich in der eigenen Branche recht gut aus – man kann aber nicht Experte sein für fünf andere Branchen. Es macht keinen Sinn, diesen Anspruch zu verfolgen. Und hier gibt es in der Tat spannende Tools, die euch die Arbeit entscheidend erleichtern können. Und ganz besonders hervorheben wollen wir natürlich den Trendexplorer von TrendOne, der tatsächlich im Grunde genau für diesen Use Case von uns entwickelt worden ist, um genau diesen branchenübergreifenden Blick auf eine schnelle und pragmatisch anwendbare Art und Weise herzustellen. Und das kann man sich so vorstellen, – wir hatten es eben auch schon so ein bisschen erwähnt, – dass wir ja pro Monat zum einen 250 neue Innovation über unser Scouting Netzwerk identifizieren und die eben alle mit Branchen vertaggen. Das ist schon mal so der erste Schritt. Also man hat dann da Zugriff auf inzwischen über 45.000 Innovationen, die alle nach dem gleichen Aufbau strukturiert sind, wo man innerhalb von 30 Sekunden so eine Innovation dann auch ganz konkret erfassen kann. Also man kann da wirklich schnell drüber scannen und versteht „Ah, alles klar, das sind so die neuesten Innovationen aus der Einzelhandelsbranche“, mal als Beispiel. Und was eben auch sehr spannend ist, dass wir entsprechend da auch eine ganze Menge von Mega- und Macrotrends haben, die auf diese höhere Abstraktionsebene abzielen und auch in der Innovationsstrategie sehr gut anwendbar sind. Auch hier können wir aufzeigen, für welche Branchen eigentlich welche Trends eine große Rolle spielen und wo auch Schnittmengen zu anderen Branchen liegen. Das ist ja genau das Spannende. Dass wir genau das mit diesem Tool eben sehr schön aufzeigen können, dass wir sagen können: „Für dich als Mobilitätsdienstleister sind das die Top-5-Trends. Und übrigens: Für die und die Branchen sind das ebenfalls vielleicht relevante Trends. Guck doch noch mal in diese Branchen rein und schau dir an, welche Lösungen da schon gefunden worden sind. Und das kann man eben mit Hilfe solcher Tools gerade eben auch im Frontend des Innovationsprozesses sehr schön verkürzen.

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Innovationsökosysteme helfen dabei, größere Probleme und Herausforderungen gemeinsam mit anderen Unternehmen anzugehen.


Sebastian Metzner: Peter, lass uns mal zu einem zweiten, größeren Block kommen, den hast du mit „Innovationsökosysteme aufbauen“ überschrieben. Was genau verbirgt sich denn dahinter?

Peter von Aspern: Ja, exakt! Hier geht es darum, sich tatsächlich noch mal zu vergegenwärtigen, dass man als Unternehmen in der Regel immer Teil eines Wertschöpfungsnetzwerks ist. Das heißt, ich habe vorgelagerte Unternehmen, nachgelagerte Unternehmen, mit denen ich eng zusammenarbeite und die logischerweise immer auch vor den gleichen Herausforderungen stehen. Insgesamt betrachtet. Wie ich eben auch. Weil man natürlich durch diese Wertschöpfungsnetzwerke verbunden ist. Und aus diesem Zusammenhang heraus bietet es sich natürlich durchaus an, größere Innovationsvorhaben entsprechend gemeinsam anzugehen. Wie gesagt, man hat ja gemeinsame Interessen, die man verfolgt. Es gibt ein schönes Beispiel von Cisco, die genau das sehr schön praktiziert haben mit ihrem "Chill" Ökosystem, so haben sie es genannt. Ich glaube, die haben das damals sogar in Berlin umgesetzt. Da geht es tatsächlich darum, dass man gezielt Unternehmen zusammenbringt, die auch aus verschiedenen Branchen kommen können, aber auch eine Gemeinsamkeit haben; also vor ähnlichen Herausforderungen stehen. Und mit diesen Partnern hat man entsprechend so ein tatsächliches Innovationsökosystem aufgebaut, das übergreifend funktioniert hat. Und die Gemeinsamkeit Unternehmen war, dass sie alle das gemeinsame Interesse am Finden von bestimmten Lösungen hatten. Das ist natürlich dann auch eine ganz wichtige Voraussetzung, dass du eben vorher klar Herausforderungen und Probleme benennst, um die herum du dieses Innovationsökosystem aufbaut. Es ist im Grunde so ein zweckgebundener Ansatz, dessen Grundvoraussetzung es ist, dass man die zentralen und kritischen Herausforderungen, vor denen man eben als Unternehmen steht, vorher erkannt hat. Hier auch wieder ein Querverweis zum Thema Trendmanagement, was ja genau dabei helfen soll, dass ich in Form meiner Innovationsfeldern genau diese Felder für mich herausarbeite. Wenn man das dann geschafft hat und feststellt „Oha, das sind aber Herausforderungen, die vielleicht unsere internen Ressourcen übersteigen, um dafür nachhaltige Lösungen zu finden“, dann kann man sich tatsächlich überlegen, welche weiteren Unternehmen, mit denen man vielleicht auch verbunden ist in Form einer Wertschöpfungskette oder auch Unternehmen, mit denen man vielleicht nicht in der Wertschöpfungskette verbunden ist, die aber vor ähnlichen Problemen stehen müssten, man identifizieren kann. Und dann kann ich mir natürlich durchaus überlegen, mich mit diesen Unternehmen gemeinsam auf die Suche zu begeben nach neuen Innovationen, um diese Herausforderungen zu meistern.

Sebastian Metzner: Tipp Nummer zwei. Lass uns noch zu deinem letzten Tipp kommen, wie ihr Cross Innovation vor allem in größeren Unternehmen aufbauen, initiieren könnt. Denn hier gibt es natürlich auch viele Möglichkeiten, auf intern bestehende Ressourcen zurückzugreifen. Das war so ein bisschen der Ansatz, den du gewählt hattest?

Branchenübergreifende Innovation innerhalb des eigenen Unternehmens umsetzen

Peter von Aspern: Das ist natürlich besonders interessant für eher große Organisationen oder Konzerne. Denn tatsächlich haben inzwischen sogar globale Konzerne wie Siemens oder ThyssenKrupp in sich bereits eine Vielzahl von Branchen tatsächlich. Die können im Grunde branchenübergreifende Innovationen innerhalb des eigenen Unternehmens umsetzen. Aufgrund dessen, dass sie einfach so weit diversifiziert sind. Tatsächlich ist es aber so, dass Unternehmen das oftmals gar nicht so stark forcieren. Das sehen wir ja auch immer wieder, dass man dann eigentlich in diesen Unternehmen, die hoch diversifiziert sind, oftmals sehr strikte Trennungen zwischen diesen Konzernsilos hat – das sind ja oftmals auch eigene Legal Entities, die viel weniger miteinander kommunizieren, als man vielleicht so denkt. Und Thyssen hat das Problem für sich erkannt und eine Initiative gestartet, die hieß „Incar Plus“. Auch bei Cross Industry Innovationen ist es ja wichtig, ein klares Ziel zu haben, mit dem man sich beschäftigen möchte. Und bei ThyssenKrupp ging es darum, neue Lösungen für die Kunden aus der Automobilindustrie zu finden, da ja bekanntermaßen die Automobilindustrie vor einer ganzen Reihe von Umwälzungen steht. ThyssenKrupp ist ein wichtiger Zulieferer für die Automobilbranche und hat entsprechend so eine Art Programm aufgesetzt, in dem man ganz gezielt Ingenieure aus dem eigenen Konzern zusammengezogen hat. Die haben da irgendwie 100 Ingenieure aus acht ganz unterschiedlichen Konzernbereichen zusammengezogen, aus unterschiedlichen europäischen Ländern, um entsprechend gemeinsam an neuen Ansätzen für die Automobilbranche zu forschen. Und wer ThyssenKrupp so ein bisschen kennt: Die sind in der Stahlbranche unterwegs. Dafür kennen sie vielleicht die meisten. Aber auch in der Komponentenherstellung für Motor, Getriebe, Karosserie und so weiter. Da sind die auch unterwegs. Das sind eben alles so einzelne Sparten und die hat man eben ganz gezielt zusammengesteckt, um ansatzweise, sage jetzt mal unternehmensintern branchenübergreifend Innovation zu forcieren. Und das haben sie nach eigener Aussage ja recht erfolgreich gemacht. Sie haben über 40 neue Innovationen gefunden, die mit ihren Komponenten in Fahrzeugen bis zu 50 Prozent Gewicht sparen und 20 Prozent weniger Kosten verursachen. Das ist tatsächlich in so einer Reifenbranche wie der Automobilindustrie halt krasse Sprünge, die du eigentlich sonst so nicht hast. Dann spricht man ja eher für Optimierungen, in irgendwelchen einstelligen Prozent- oder Promille-Bereichen. Und das sind hier schon erhebliche Schritte, die man hier umsetzen konnte. Dass man tatsächlich auch gucken kann, inwieweit man innerhalb des Unternehmens branchenübergreifend Innovationen forcieren kann?

Sebastian Metzner:  Ein gutes Beispiel, da fällt mir sofort auch Bosch in Deutschland ein, die so was sehr gut machen konnten mit den Haushaltsgeräten und 3D-Drucker-Komponenten. Ich denke, da gibt es vielerlei Potenziale, Transfer-Impulse, Transfer-Ideen, die man da gemeinsam gebären kann. Also der Appell, den ich dem entnehme, ist: Wenn ihr nicht aus dem Unternehmen hinausgehen wollt, solltet ihr, – wenn ihr ein großes Unternehmen habt, – auch im Unternehmen erst einmal versuchen, die Cross Industry Impulse zu spüren und euch intern zu vernetzen und damit zu beginnen. Das ist so ein bisschen das, was ich da raus höre, oder?

Was ist die nächste große Cross Industry Innovation, die wir so sehen werden?

Sebastian Metzner: Der wichtige Hinweis ist hier: Macht das nicht erst in der Konzeptionsphase, dann, wenn ihr schon relativ weit fortgeschritten seid im Innovationsprozess. Macht das sofort am Anfang! Weil ich glaube, hier ist noch so viel Luft nach oben. Hier ist noch so viel Potenzial, in das wir in den nächsten Jahren schauen werden. Peter, ich habe so ein bisschen während der Folge jetzt überlegt: Was ist die nächste große Cross Industry Innovation, die wir so sehen werden? Habe mich dabei aber selbst dabei ertappt, dass ich keinerlei Idee habe, was das wirklich sein könnte. Hast du eine Idee?

Peter von Aspern: Mir kam jetzt gerade in den Sinn das Auto von Sony. So ein High-Tech Hersteller, der eher aus der Unterhaltungselektronik kommt und mit seinem Know-how versucht, ein Auto zu bauen, das sich eben maßgeblich differenziert von dem, was schon da ist. Das war gerade das Bild, was mir aufgeploppt ist.

 

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